Rechtsanwaltskanzlei Vera Hahn in Reutlingen

Literaturempfehlung Roman - Januar 2017

Diverse Bücher auf Bestseller- oder Empfehlungslisten: Da ist Schönheit Hässlichkeit

Viele Leser mögen Geschichten von Außergewöhnlichem, von Helden und Abenteuern, die der Leser selbst nicht erlebt hat und vielleicht auch gar nicht erleben will. Aber der Trend dahin, dass in so manchen vielgelobten Büchern besonders gutaussehende, geradezu strahlend schöne Hauptfiguren auftauchen, bereitet immer weniger Freude. Mein erster Impuls, wenn ich beim Lesen auf diesen Umstand stoße, ist, solch ein Buch sofort zur Seite zu legen. In Lauren Groffs Roman „Licht und Zorn“ (Hanser (2016); ISBN 9783446253162; Euro 24,00) türmte sich diese Hürde schon im fünften Satz auf: „Sie blond und elegant [...] Er ein Hüne, strahlend und lebendig; in ihm flackerte ein Licht, das den Blick gefangen nahm […]“. Wäre nicht dieser begeisterte Berliner Buchhändler gewesen, ich hätte das Buch nicht weitergelesen.

Die Autoren beschreiben die einmalige Schönheit der Hauptfigur oder sogar -figuren wiederholt, in kritischen Romansituationen besonders gern. Das ist langweilig und darüber hinaus ärgerlich. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: Wo Charakter ist, da ist Hässlichkeit Schönheit; wo kein Charakter ist, da ist Schönheit Hässlichkeit. Die Schönheit der Hauptfiguren macht die Geschichte fad. Es ist die Vielschichtigkeit, emotionale Differenziertheit, das spannende Innenleben einer Romanfigur und vieles mehr, aber sicher nicht seine Schönheit, die einen interessanten Roman lesenswert und spannend machen.

Es steckt ebenfalls keine Rettung in dem Umkehrschluss, der dem Leser vorführt, dass Schönheit nicht zwingend mit Glück verbunden ist. Denn selbstverständlich müssen die Romanfiguren schwere Krisen durchstehen. Die Autoren streben diesen banalen Fingerzeig wohl kaum an. In Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin. Kindheit und Jugend“ (Suhrkamp (2016); ISBN 9783518425534; Euro 22,00) ist eine der Freundinnen schön und elegant, „versprühte eine Energie, die jeder bemerken musste“, während die andere unscheinbar und zu dick sich mit Pickeln herumschlagen muss. Dieses Spiel mit den Gegensätzen ist ein Stilmittel, These und Antithese, aber in Bezug auf Schönheit ist das Ergebnis ohne besonderen Charakter nicht schillernd. Schwer zu sagen, welchen Leser das auf Dauer nicht langweilen soll, weil es so vorhersehbar ist. In Ferrantes Roman bleiben Fragen offen, die spannender zu beantworten gewesen wären: Lilas plötzliche Abkehr vom Lesen trotz großer Mengen zuvor verschlungener Bücher, das Verständnis von Unzertrennlichkeit von Freundinnen, wenn die inneren Motive diffus bleiben und ein armes Wohnviertel Neapels eine räumliche und soziale Klammer bildet.

Empfehlenswert ist dagegen der Roman „Die Gierigen“ von Karine Tuil (Aufbau TB (2015); ISBN 9783746631813, Euro 12,99). Und das, obwohl einer der drei Freunde Nina, Samuel und Samir blendend gut aussieht. Denn dieser Mensch wird mit all seinen Brüchen und inneren Kämpfen gezeigt. Alle drei versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen, dabei läuft schon früh einiges schief. Spannende Diskussionen über Armut, Diskriminierung, Judentum und Islam, Familie und Freundschaft werden geschickt eingewoben. Beide Männer lieben Nina, doch einer von ihnen verschwindet nach New York und wird ein angesehener Anwalt. Erst zwanzig Jahre später treffen sie sich in Paris wieder. Jeder trägt seine Päckchen der Erfahrungen und Verletzungen mit sich herum, die ausgepackt zu weiteren Komplikationen, aber auch zur Annäherung an die eigene Identität der Hauptpersonen führen: „Wie gut, wenn endlich die Angst vergeht, eine Enttäuschung zu sein, wenn der Druck der Gefallsucht und der vielen Regeln nachlässt, [...]“.